China, Taiwan und Japan stehen exemplarisch für die unterschiedlichen Strategien im Umgang mit kritischen Rohstoffen im asiatisch-pazifischen Raum. Während China durch seine Rohstoffpolitik die globalen Lieferketten dominiert und seine technologische Führungsrolle kontinuierlich ausbaut, sind Taiwan und Japan hochgradig von Rohstoffimporten abhängig und forcieren deshalb Recycling, Materialeffizienz und strategische Partnerschaften. Die drei Akteure agieren dabei in einem geopolitisch hochsensiblen Spannungsfeld, das durch Exportkontrollen, Technologiewettläufe und Versorgungsunsicherheiten geprägt ist. Im Fokus stehen insbesondere Seltene Erden, Lithium, Kupfer sowie Halbleitermaterialien wie Gallium, Germanium oder Indium.
China: Der Architekt der globalen Rohstoffverarbeitung
China ist unbestrittener Weltmarktführer bei der Verarbeitung und Raffinierung zahlreicher kritischer Mineralien. Laut Internationaler Energieagentur (IEA) verarbeitet China über 60 % der global geförderten Seltenen Erden, 50 % des Lithiums und nahezu 70 % des weltweit benötigten Graphits für Batterien. Das Land hat seine Marktmacht seit den 2000er-Jahren durch staatlich orchestrierte Industriepolitik, Subventionen und Investitionen in die Infrastruktur systematisch aufgebaut.
2024 wurde ein umfassendes Seltene-Erden-Gesetz in Kraft gesetzt, das den gesamten Zyklus von Exploration über Verarbeitung bis Export kontrolliert. Unternehmen müssen strenge Umweltauflagen erfüllen, Transparenzstandards einhalten und sich an staatliche Quoten halten. Gleichzeitig wurde die China Rare Earth Group gegründet, ein staatliches Konsortium, das die wichtigsten Produzenten vereint und mit großer Marktmacht die globalen Preise beeinflusst.
Ein zentrales Element der chinesischen Strategie ist das Recycling. Der Staat fördert gezielt innovative Verfahren zur Rückgewinnung von Neodym, Dysprosium und Praseodym aus Altmagneten sowie Lithium, Kobalt und Nickel aus Batterien. Chinesische Forschungseinrichtungen wie die Central South University entwickelten hydrometallurgische Prozesse, bei denen umweltfreundliche Lösungsmittel wie Glycin zum Einsatz kommen. Diese Methoden ermöglichen eine nahezu vollständige Rückgewinnung ohne aggressive Chemikalien und mit hoher Energieeffizienz.
Darüber hinaus forciert China Technologien wie Direct Lithium Extraction (DLE), bei denen Lithium effizient aus Salzlaken gewonnen wird, sowie automatisierte Trennanlagen für komplexe Multi-Metall-Erze. Parallel investiert die Regierung in Clean-Tech zur Begrenzung von Umweltfolgen. Kohlebasierte Raffinerien werden modernisiert, Abwassermanagement ausgebaut und erste Anlagen zur CO2-Abscheidung und Speicherung (CCS) errichtet. Nichtsdestotrotz bleibt Chinas ökologischer Fußabdruck erheblich, insbesondere durch seine Abhängigkeit von Kohle für die Stromversorgung energieintensiver Verarbeitungsanlagen.
Auf geopolitischer Ebene nutzt China seine Dominanz strategisch. Seit 2023 unterliegen bestimmte Magnetlegierungen und Raffinationstechnologien Exportkontrollen. Zudem wurden die Ausfuhren von Gallium und Germanium temporär beschränkt, um auf westliche Sanktionen zu reagieren. Diese Maßnahmen verstärken die internationalen Bestrebungen, alternative Lieferketten aufzubauen und die Abhängigkeit von China zu reduzieren.
Taiwan: Urban Mining und strategische Resilienz
Taiwan ist hochgradig von Rohstoffimporten abhängig, spielt jedoch eine Schlüsselrolle in globalen Hochtechnologielieferketten, insbesondere bei Halbleitern. Um seine Versorgungssicherheit zu erhöhen, setzt Taiwan auf „Urban Mining“ und strategische Diversifizierung.
Der Ansatz des Urban Mining umfasst die Rückgewinnung kritischer Metalle aus Elektronikschrott, Produktionsabfällen und Industrienebenprodukten. Staatliche Programme unterstützen das Recycling von Neodym, Dysprosium, Kobalt und Tantal aus Smartphones, Festplatten, Elektromotoren und Halbleiterbauteilen. Besonders die Halbleiterindustrie ist ein Treiber für die Entwicklung innovativer Recyclingverfahren, um Gallium, Germanium und Indium aus Prozessabfällen zurückzugewinnen. Unternehmen wie TSMC investieren in geschlossene Materialkreisläufe und nutzen recycelte Materialien in der Chipfertigung.
Zugleich verstärkt Taiwan seine internationalen Rohstoffpartnerschaften. Die Regierung arbeitet eng mit den USA, Australien und Kanada zusammen, um sich langfristige Bezugsquellen für Lithium, Nickel und Seltene Erden zu sichern. Im Rahmen der Indo-Pacific Economic Framework-Initiative kooperiert Taiwan mit anderen Demokratien beim Aufbau resilienter Lieferketten. Auch strategische Lagerhaltung wurde ausgeweitet, um kurzfristige Versorgungsunterbrechungen abzufedern.
Neben der physischen Rohstoffversorgung liegt der Fokus auf Forschung und Substitution. Taiwans Universitäten entwickeln Materialien mit reduziertem Gehalt an kritischen Elementen und effizientere Trenntechnologien. Das Industrial Technology Research Institute (ITRI) forscht z. B. an magnetischen Werkstoffen ohne Seltene Erden sowie an Alternativen für indiumhaltige transparente Leiter.
Im geopolitischen Kontext ist Taiwans Rohstoffstrategie eng mit seiner Rolle als globaler Technologiestandort und der politischen Unsicherheit im Verhältnis zu China verknüpft. Eine stabile Rohstoffversorgung wird als Schlüssel zur Aufrechterhaltung technologischer Souveränität verstanden.
Japan: Technologischer Vorreiter im Rohstoffrecycling und Tiefseebergbau
Japan ist seit jeher ein rohstoffarmes Land mit einer hochentwickelten Verarbeitungsindustrie. Bereits seit den 1980er Jahren verfolgt das Land eine Doppelstrategie: langfristige Sicherung externer Ressourcen durch Beteiligung an Auslandsprojekten sowie technologische Innovationsförderung im Recycling und der Effizienzsteigerung.
Nach dem „Seltene-Erden-Schock“ von 2010, als China Exportrestriktionen verhängte, intensivierte Japan seine Bemühungen, unabhängiger zu werden. Die staatliche Rohstoffagentur JOGMEC beteiligt sich an Minenprojekten weltweit, etwa an der australischen Lynas Corporation. Gleichzeitig entwickelte die Industrie hochgradig automatisierte Recyclingverfahren. Unternehmen wie Hitachi, Mitsubishi Materials und Sumitomo Metal Mining recyceln Neodym aus Elektromotoren, Kobalt und Lithium aus Batterien sowie Edelmetalle aus Leiterplatten. Bereits heute stammen bis zu 30 % des in Japan benötigten Indiums aus Sekundärquellen.
Ein besonders ambitionierter Bereich ist der Tiefseebergbau. Vor Japans Küste, nahe der Minamitori-Insel, wurden große Vorkommen an Seltenen Erden in Tiefseeschlämmen entdeckt. Erste Testförderungen fanden bereits statt, und das Industrieministerium METI treibt gemeinsam mit Forschungseinrichtungen und Industriepartnern die Entwicklung von Tiefseebergbau-Technologien voran. Auch die Exploration von Kobalt-reichen Mangankrusten und Methanhydraten gehört zum Portfolio.
Politisch setzt Japan auf multilaterale Kooperation. In Partnerschaften mit der EU, den USA und Australien werden Investitionen, Technologietransfer und Forschung abgestimmt. Die japanische Regierung fördert zudem die strategische Lagerhaltung kritischer Mineralien und unterstützt Unternehmen bei der Diversifizierung ihrer Lieferketten.
Japan sieht im Ausbau des Rohstoffrecyclings, in der Entwicklung alternativer Materialien und in der Tiefsee einen Weg, seine Industrie langfristig wettbewerbsfähig und resilient zu halten. Gleichzeitig sind Umweltschutz, Ressourceneffizienz und internationale Normensetzung feste Bestandteile der japanischen Rohstoffaußenpolitik.
Technologischer Vorsprung im Spannungsfeld geopolitischer Risiken
China, Taiwan und Japan zeigen drei unterschiedliche Wege im Umgang mit der Rohstoffproblematik des 21. Jahrhunderts. China nutzt seine Marktmacht, um durch gezielte Kontrollen und Innovationen geopolitischen Einfluss zu nehmen. Taiwan setzt auf Recycling und internationale Allianzen, um seine technologische Wettbewerbsfähigkeit abzusichern. Japan kombiniert technologische Exzellenz mit globaler Ressourcenstrategie und Pionierleistungen im Tiefseebergbau.
Allen drei Ländern gemeinsam ist das Streben nach Kontrolle über kritische Rohstoffe in einer zunehmend unsicheren Weltordnung. Dabei stehen technologische Fähigkeiten im Zentrum – sei es zur Ressourcenrückgewinnung, zur Rohstoffsubstitution oder zur Entwicklung neuer Lieferketten. Die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Branchen wird dadurch nicht nur zur Frage industrieller Kapazität, sondern auch zur Frage geopolitischer Positionierung.
In einer Welt multipolarer Abhängigkeiten und wachsender Systemkonkurrenz entscheidet die Kombination aus Rohstoffsicherheit, Innovationsfähigkeit und strategischer Diplomatie zunehmend über nationale Resilienz und internationalen Einfluss.
